Folgen der demographischen Entwicklung: Älter - bunter - einsamer. Und: weniger potenzielle Lehrlinge
Der demographische Wandel trifft Unterfranken besonders hart. Betriebe suchen den geeigneten Bewerber
„Auswirkungen des demographischen Wandels in Unterfranken“, lautete Mitte Mai eine Informationsveranstaltung der Regierung von Unterfranken in den Mainfrankensälen Veitshöchheim. Dass der Wandel und die Alterung der Gesellschaft vor Unterfranken nicht haltmachen werden, wusste und weiß jeder. Dass Unterfranken jedoch bayernweit nach Oberfranken mit den schlimmsten Folgen des demographischen Wandels zu kämpfen haben wird, verursachte große Ernüchterung bei allen kommunalen Amtsträgern sowie bei den Vertretern aus Handwerk und Industrie. Prägnant ausgedrückt hat es Dipl.-Geogr. Andrea Jonas in ihrem Vortrag „Der demographische Wandel in Unterfranken – Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten“: In der Vergangenheit wuchs die Bevölkerung, jetzt schrumpft sie. Bis 2050 werden rund 10 % weniger Menschen in Unterfranken leben als noch heute. Die Zahl der Ein- und Zweipersonenhaushalte wird steigen, ebenso wie die Anzahl an Immigranten, es wird „älter, bunter, aber einsamer“, wie die Referentin ausführte. „Das sind Entwicklungen, die auch das Handwerk erkennen und darauf reagieren muss“, weiß Rolf Lauer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken. So wie Andrea Jonas als einen Baustein für die Kommunen eine kommunale Kooperation als Handlungsmöglichkeit betrachtet, so tut dies auch Rolf Lauer in Hinsicht auf die Handwerksbetriebe: „Gerade in den ländlichen und strukturschwachen Landkreisen wie Rhön-Grabfeld, Hassberge, Bad Kissingen oder Schweinfurt erkenne ich einen möglichen Weg darin, dass sich Handwerker zu Netzwerken zusammenschließen und gemeinsam als Einheit am Markt auftreten.“ Immerhin seien im demographischen Wandel nicht nur negative Strömungen zu sehen. „Auch und gerade das Handwerk kann von Dienstleistungen rund um altersgerechtes Leben profitieren.“
Dramatische Schülerzahlen
Neben der Alterung der Gesellschaft wird sich der demographische Wandel im Handwerk besonders bei fehlenden Lehrlingen, und auch hier wieder besonders in den ländlichen Regionen, bemerkbar machen. „Die Prognosen bei der Gruppe der Schüler, also den 6 bis 18-Jährigen zeigt, dass diese Zahl innerhalb von 20 Jahren, genau im Zeitraum 2008 bis 2028, um 26 Prozent zurückgehen wird“, stellte Markus Teubner vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in seinem Vortrag „Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf die Schullandschaft“ heraus. In den Landkreisen Main-Spessart, Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld, Haßberge und Schweinfurt sei der Rückgang noch vehementer: Fast ein Drittel weniger 6 bis 18-Jährige wird es in diesen Landkreisen 2028 im Vergleich zu 2008 geben. Problematisch erscheint auch die Entwicklung der Schülerzahlen an den Hauptschulen. Innerhalb des Zeitraumes 1999/2000 und 2028/2029 werden nach den Prognosen des Staatsinstitutes für Schulqualität und Bildungsforschung die Schülerzahlen an Hauptschulen um 43 Prozent zurück gehen. Das seien dramatische Zahlen, auf die die Handwerkskammer aber insbesondere die Handwerksbetriebe reagieren müssen, so Rolf Lauer. „Gerade wenn man bedenkt, dass rund zwei Drittel der Lehrlinge im unterfränkischen Handwerk den Hauptschulabschluss haben.“
Fachkräfte gefragt
„Die bayerische Wirtschaft benötigt gerade im Hinblick auf die demographische Entwicklung wieder jede gut ausgebildete und qualifizierte Arbeitskraft“, sagt auch Ralf Holtzwart, der neue Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, während einer Pressekonferenz am 11. Mai zum „Tag des Ausbildungsplatzes“ im Bildungszentrum Würzburg der Handwerkskammer für Unterfranken. Der Ort der Pressekonferenz war bewusst gewählt. Denn Anfang Mai hatten unterfränkische Schüler die Möglichkeit, sich in den Werkstätten der Bildungszentren der Handwerkskammer während der vertieften Berufsorientierung intensiv mit Handwerksberufen auseinanderzusetzen. „Die vertiefte Berufsorientierung ist ein Erfolgsmodell. Alleine im Bildungsjahr 2009/2010 werden in Unterfranken rund 6700 Schüler aus 103 Schulen die vertiefte Berufsorientierung wahrnehmen und in den Werkstätten der Bildungszentren Würzburg, Schweinfurt und Aschaffenburg intensive einblicke in Handwerksberufe gewinnen. Das ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Anstieg um mehr als 10 %“, weiß Frank Weth, Geschäftsführer und Geschäftsbereichsleiter „Berufliche Bildung“ der Handwerkskammer für Unterfranken. Zwischen zwei und fünf Tage beträgt der Zeitraum der Vertieften Berufsorientierung, „weil wir damit individuell auf jeweilige Bedürfnisse eingehen können.“ Pädagogisch und fachlich geschulte Ausbildungsmeister sind erste Ansprechpartner der Schülerinnen und Schüler, die in den Werkstätten Handwerk im wahren Sinne des Wortes begreifen und kennenlernen können. „Die Bildungseinrichtungen der Handwerkskammer für Unterfranken sind exakt an den personellen und ausstattungstechnischen Qualitätsanforderungen der einzelnen Handwerksberufe orientiert und damit bestens ausgestattet, um den Jugendlichen verschiedenste Handwerksbereiche näherzubringen“, unterstreicht der Geschäftsführer. Intensiven Handwerkskontakt erhalten die Schülerinnen und Schüler in den Handwerksbereichen Holz, Metall, Nahrungsmittel, Körperpflege, Kfz, Sanitär und Farbe. „Das deckt sicherlich rund 90 % aller Handwerksberufe ab.“
Das Konzept der Vertieften Berufsorientierung entstand in einer Kooperation der Agentur für Arbeit Würzburg mit dem Bildungszentrum der Handwerkskammer für Unterfranken. Als Multiplikatoren sind die Schulleiter der Haupt- und Realschulen in das Projekt eingebunden.
Beidseitiger Nutzen
Neben den Vorteilen für die Jugendlichen, die Neigung, Interesse und Können in den einzelnen Handwerken erfahren, profitieren auch Handwerksbetriebe und Lehrer von der Vertieften Berufsorientierung. „Wir erreichen mit der Maßnahme eine höhere Affinität von Lehrern zu handwerklichen Berufen. Sie erkennen während der Tage, wie vielschichtig das Handwerk ist.“ Die Handwerksbetriebe wiederum können sich darauf verlassen, dass die angehenden Lehrlinge ihren Beruf bewusst gewählt haben. „Wir nehmen so auch positiven Einfluss auf die Abbrecherquote von Lehrlingen.“ Schließlich ist selbst die Erkenntnis, mit einem bestimmten Beruf keine Freundschaft zu schließen, eine wichtige Erfahrung im Leben eines jungen Menschen.
Insgesamt ist die Vertiefte Berufsorientierung als Erfolgsmodell zu bezeichnen. Gerade in der Zeit des beschriebenen demographischen Wandels müssen Jugendliche gezielt auf ihr späteres Berufsleben vorbereitet werden. Frank Weth: „Die Vertiefte Berufsorientierung ist hier zentraler Baustein.“ Flankierend suchen die unterfränkischen Handwerksbetriebe immer früher nach geeigneten Lehrlingen: So haben bis Ende April 2010 bereits 596 Betriebe einen Lehrvertrag abgeschlossen. Das sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 19,2 % mehr. „Dies stimmt uns positiv“, sagt Rolf Lauer, der aber auch weiß: „In den kommenden Jahren müssen wir noch viel mehr bewegen.“
online seit 28. Mai 2010, aktualisiert am 28. Mai 2010
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