Glücklich im Handwerk | Abiturient Leon Seibert
Christoph Boeckheler
Seine Oma brachte ihn auf die Idee ein Praktikum als Modellbauer zu absolvieren - so fand Leon Seibert nach dem Studienabbruch den Beruf, in dem er sich die nächsten Jahrzehnte sieht. Aktuell ist er Auszubildender zum Modellbauer bei Modellbau Fischer in Stockstadt.

Abiturient/innen: Glücklich im Handwerk

"In meinem Beruf bin ich glücklich und vollkommen zufrieden", stellt Leon Seibert, Auszubildender zum Modellbauer im 2. Lehrjahr klar. Und mit dieser Aussage ist er als Abiturient im Handwerk kein Einzelfall. Eine vom Deutschen Handwerksinstitut (DHI) im vergangenen Jahr veröffentliche Studie hat das berufliche Selbstbild und die Arbeitszufriedenheit im Handwerk untersucht. 84 % der befragten Handwerker mit Abitur und Fachabitur sehen in ihrem Beruf ihre Berufung. Dieser Wert ist nochmal höher als der ohnehin hohe Wert (81 %) aller in der Studie befragten Handwerkerinnen und Handwerker. Die hohe Identifikation der Handwerker mit Hochschulreife mit ihrem Beruf unterstreicht das Potenzial, das diese Zielgruppe für das Handwerk hat. Doch den Weg ins Handwerk finden viele Abiturienten (noch) nicht immer direkt.

Über Umwege ins Handwerk

Das trifft auch bei Leon Seibert zu. Der heute 24-Jährige aus Klingenberg am Main wählte – wie viele Abiturienten, die nicht wissen, was sie machen sollen – einfach einen Studiengang nach seinem besten Schulfach und begann ein Lehramtsstudium im Fach Englisch. Doch schon bald merkte er, dass er sich nicht vorstellen konnte sein Leben lang in einem eher theoretischen Arbeitsfeld zu arbeiten. Er beendete das Studium vorzeitig ohne Abschluss und suchte Kontakt zur Arbeitsagentur. Daraufhin absolvierte er eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme und Praktika in verschiedensten Branchen und Tätigkeitsbereichen. "Das war sehr hilfreich und hat gut auf den Arbeitsalltag und auch die Bewerbungsphase vorbereitet", erzählt Leon Seibert. Und so sagte er nach einem Praktikum im Beruf Modellbauer, das ihn direkt überzeugte, auch direkt das Angebot für einen Lehrvertag mit voller Motivation zu.

Im Nachhinein hätte sich Leon Seibert bei der Berufsorientierung schon mehr Unterstützung seitens der Schule gewünscht. Gerade am Gymnasium mangle es daran, vieles sei auf die Aufnahme eines Studiums ausgerichtet, so die Beobachtung des Auszubildenden. "Abiturienten sind eine wichtige Zielgruppe für das Handwerk, weshalb wir uns stark dafür einsetzen auch praktische Orientierungsangebote und Informationen zu Karrieremöglichkeiten im Handwerk in die Gymnasien zu bringen", erklärt Ludwig Paul, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken. Ein wichtiger Schritt war die Einführung der Koordinatoren für berufliche Orientierung (KBO) an den bayerischen Gymnasien zum Schuljahr 2018/19. Mit ihnen ist die Handwerkskammer im kontinuierlichen Austausch, gibt Schulungen, stellt Infomaterial zur Verfügung oder koordiniert (Online-)Schulbesuche der Ausbildungsexperten. Zudem wird aktuell eine fest verankerte Berufsorientierung für diese Schulart aufgebaut.

"Abiturienten sind eine wichtige Zielgruppe für das Handwerk, weshalb wir uns stark dafür einsetzen auch praktische Orientierungsangebote und Informationen zu Karrieremöglichkeiten im Handwerk in die Gymnasien zu bringen."

Ludwig Paul Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken

Handfeste Alternative

Dass sich junge Menschen mit höherem Schulabschluss im Handwerk sehr wohl fühlen, beweist das Beispiel von Leon Seibert. Er erzählt begeistert von der Vielfalt der Tätigkeiten in seinem Beruf: „Es gibt keinen Tag an dem ich dasselbe zweimal mache. Ich kann mit den Händen arbeiten und es ist auch Köpfchen gefragt, ich muss viele Probleme lösen“, so der 24-Jährige. Auch für Betriebe hat es einige Vorteile, wenn sie Abiturienten oder Studienaussteiger als Auszubildende einstellen. Wer das Abitur geschafft oder bereits einige Studiensemester absolviert hat, bringt durch die Vorbildung und Reife ein großes Potenzial mit. So können Unternehmen beispielsweise von der meist schnellen Lerngeschwindigkeit dieser Zielgruppe profitieren. "Durch die Möglichkeit der verkürzten Ausbildung mit Abitur steht Betrieben nach einer Ausbildung schnell qualifiziertes Personal zur Verfügung", sagt Ludwig Paul, und ergänzt: "Auch in Bezug auf die Übernahme von Führungsaufgaben im Unternehmen oder eine potenzielle Betriebsnachfolge ist diese Zielgruppe interessant." Dass Handwerksunternehmen und junge Menschen mit Hochschulreife immer öfter zusammenfinden, zeigt auch der Blick auf die unterfränkische Ausbildungsstatistik: In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Anteil neuer Lehrlinge mit Abitur oder Fachabitur mehr als verdoppelt. Während 2010 3,8 % der neuen Lehrlinge mit Hochschulreife starteten, waren es 2020 bereits 11 %.

Neue Lehrlinge mit (Fach-)Hochschulreife 2010 bis 2020
Grafik: Deutsche Handwerks Zeitung

Erfüllte Zukunft

"Ich bin motivierter und stehe jeden Tag gerne früh auf, um auf die Arbeit zu gehen", beschreibt Leon Seibert die Veränderung, die seine Entscheidung für einen Ausbildungsberuf mit sich gebracht hat. Die bereits angesprochene DHI-Studie zeigt, dass die befragten Abiturienten besonders schätzen, dass ihnen ihr Beruf neue Herausforderungen bietet (Angabe von 92 % der Befragten) sowie anregend und inspirierend ist (Angabe von 91 % der Befragten). Diese Faktoren spielen bei der Berufswahl der jungen Generation mehr und mehr eine wichtige Rolle und sind Pluspunkte, die Betriebe für sich nutzen können. Denn: "Ich will meine Zeit nicht mit etwas verbringen, das mir keinen Spaß macht", sagt auch Leon Seibert. Seine Zeit nutzt er nun für einen Beruf, der ihn erfüllt und glücklich macht, einen Beruf im Handwerk.

Beratungsangebot für Betriebe

Betriebe, die sich vorstellen können, Studienaussteiger oder Abiturienten auszubilden, können sich gerne direkt an die Ausbildungsexperten der Handwerkskammer wenden. Kontaktdaten der Ansprechpartner in den Regionen finden Sie hier.