Melanie Michel_Cafe Michel
Handwerkskammer für Unterfranken

Starke Wurzeln für große Träume

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Handwerkskammer für Unterfranken

In Japan oder Skandinavien arbeiten, auf eine kulinarische Weltreise gehen – wenn sie über ihre Träume spricht, leuchten die Augen über der weißen Maske. Melanie Michel, Konditormeisterin und Inhaberin des Café Michel im Herzen von Würzburg, ist der Beweis dafür, dass man in die Ferne schweifen und doch fest verwurzelt sein kann. Sie hat bereits viele Monate in Frankreich, "der Wiege der Pâtisserie" wie sie sagt, und in Spanien gearbeitet. Vielleicht wäre es im nächsten Schritt noch auf ein Kreuzfahrtschiff gegangen, aber sie entschied sich dagegen und kehrte heim nach Würzburg: Dorthin, wo ihre Wurzeln sind.

In der Heimat verwurzelt

Das Café Michel, das sie nun bald zwei Jahrzehnte zusammen mit ihrem Mann führt, ist schon immer in Familienbesitz und eine Institution. Seit Generationen treffen sich hier Jung und Alt im klassischen Ambiente auf eine Tasse Kaffee zum Wachwerden oder zum Genuss der kulinarischen Köstlichkeiten aus der Konditorei. "Irgendwann schreibe ich vielleicht ein Buch über alles, was sich in diesem Caféhaus ereignet hat", lacht Melanie Michel und erzählt von Schachpartien, die hier entschieden, Bildern, die hier gemalt, und Romanen, die hier geschrieben wurden. Und von einem Paar, das sich im Café Michel kennenlernte und anlässlich der goldenen Hochzeit großen Wert darauf legte, wieder an exakt dem Tisch von damals sitzen zu können. Das bunte Treiben und der Kontakt zu den unterschiedlichsten Menschen, die in ihrem Café ein- und ausgehen, zählen für Melanie Michel zu den schönsten Seiten ihres Berufs. Seit vielen Wochen ist jedoch alles anders. Der Kundenkontakt ist auf den Verkauf an der Theke reduziert, das Café bleibt aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen.

Frohnatur und Familienmensch

Es ist ein besonders unfreundlicher Montagmorgen im Februar, an dem wir uns zum Spaziergang treffen; kalt, grau, Nieselregen, Lockdown. Melanie Michels heiterem Gemüt kann all das so leicht nichts anhaben. "Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter. Das hat für mich durch die Pandemie eine ganz neue Bedeutung gewonnen", findet sie. Denn obwohl derzeit gezwungenermaßen vieles stillsteht, ist Stillstand für Melanie Michel selbst keine Option – das macht sich nicht nur in ihrem Schritttempo bemerkbar. Die Würzburgerin hat Abschlüsse als Hotelfachfrau, Fremdsprachenkorrespondentin und Betriebswirtin, ist Unternehmerin und zweifache Mutter. Sie spricht schnell und entschlossen, lacht viel.

Mit Weitblick und Perspektive

Der Lockdown habe ihren Alltag entschleunigt, sagt Melanie Michel. Die Familie sei enger zusammengerückt und ohne den Trubel, den der Cafébetrieb mit sich bringt, bleibe mehr Zeit zum Nachdenken über mögliche Veränderungen. Das könne sie auch bei ihren Kundinnen und Kunden beobachten, die sich noch mehr auf Natürlichkeit, Nachhaltigkeit und Regionalität besinnen: "Den Leuten ist immer wichtiger, dass die Ware möglichst plastikfrei verpackt wird. Und sie wollen genau wissen, woher die Zutaten kommen", erklärt die Konditormeisterin und lässt keinen Zweifel daran, dass sie sich mühelos an diese Entwicklungen anpassen kann. Ihre Offenheit gegenüber Neuem ist geprägt von dem Wunsch, mit der Zeit zu gehen. Und zukunftsfähig zu bleiben. Die rückläufigen Ausbildungszahlen bereiten auch ihr Sorgen: "Wir müssen lernen, die Generation Z besser zu verstehen. Die Jugendlichen haben heute andere Ansprüche als früher. Dementsprechend sollten wir unsere Berufsbilder erneuern, um attraktiv zu bleiben – und zum Beispiel der Digitalisierung bei den Ausbildungsinhalten unbedingt einen höheren Stellenwert einräumen." Um ihre Aussage zu betonen, unterstreicht Melanie Michel sie mit ihren Händen.

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Handwerkskammer für Unterfranken

Tradition und Moderne

Auch für das Café und die Konditorei hat die Konditormeisterin genaue Vorstellungen. Sie träumt von einer gläsernen Backstube, durch die das Handwerk, das in den Kuchen und Torten steckt, sichtbar wird. In der kommenden Zeit will sie aber zunächst das 110-jährige Caféhaus leicht umgestalten – ohne dass es seine Seele und seinen Charme verliert. "Ich wünsche mir, dass alle, die als kleine Kinder mit ihren Großeltern hier waren, noch immer in ihr Café Michel kommen, wenn sie einmal ihre eigenen Enkelinnen und Enkel mitbringen." Auch bei dieser Vorstellung leuchten die Augen über der Maske. Sie wird dafür sorgen, dass der Traum in Erfüllung geht. Am Ende unseres Rundgangs stehen wir wieder vor dem Café, in dem auch an diesem Tag niemand an den Tischen sitzen wird. Melanie Michel lässt sich davon nicht beirren, sondern blickt optimistisch in die Zukunft: "Wann auch immer es weitergeht: Wir sind da."