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Fabian Gebert
Prof. Dr. Peter Bofinger war insgesamt 15 Jahre lang Mitglied der Wirtschaftsweisen. Er spricht sich klar für ein starkes Europa aus.

"Wir brauchen ein starkes Europa"

Der Würzburger Wirtschaftsexperte und ehemalige Wirtschaftsweise Prof. Dr. Peter Bofinger über den Stellenwert Europas für Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland



Insgesamt 15 Jahre lang war Prof. Dr. Peter Bofinger Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, beriet als einer von fünf Wirtschaftsweisen die Bundesregierung bei wirtschaftlichen Fragestellungen. Im Interview spricht er über die aktuelle wirtschaftliche Lage, Versäumnisse in der Fachkräftefrage und die anstehende Europawahl.

 

DHZ: Als Mitglied der Wirtschaftsweisen haben Sie selbst viele Jahre lang an den Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung mitgearbeitet. Der Sachverständigenrat hat seine Prognose für 2019 kürzlich deutlich nach unten korrigiert. Steuert das Land auf wirtschaftlich schlechtere Zeiten zu?

Prof. Dr. Peter Bofinger: Die aktuelle Prognose von 0,8 Prozent Wachstum ist nicht so schlecht, wie es zunächst den Anschein hat. Diese Zahl ist ein Durchschnittswert und deshalb nach unten korrigiert worden, weil wir im zweiten Halbjahr 2018 eine massive Stockung der Wirtschaftstätigkeit hatten. Die Prognose geht davon aus, dass die Wirtschaft 2019 wieder anspringt und durchgängig wächst. Es gibt unterschiedliche Anzeichen dafür. Zwar herrschen nach wie vor Unsicherheiten in der Automobilindustrie und im Export. Die große Trumpfkarte ist jedoch die Binnenwirtschaft mit weiterhin stabilen Beschäftigungszahlen, deutlichen Lohnerhöhungen und einer starken Bauwirtschaft.

 

DHZ: Könnten sich die erwähnten Unsicherheiten nicht doch in absehbarer Zeit auf die regionalen Unternehmen auswirken?

Bofinger: Die binnenwirtschaftliche Entwicklung verläuft relativ abgekoppelt vom größeren globalen Kontext. Die Europäische Zentralbank wird zwar oftmals kritisiert, aber die aktuell niedrigen Zinsen befördern ja die Bauwirtschaft sehr positiv. Und wenn europäisch-global die Wirtschaft schwächer läuft, werden die Zinsen auch weiterhin niedrig bleiben. Für die Bauwirtschaft wird die gute Lage also weiterhin anhalten.

 

DHZ: Sehen Sie diese Stabilität auch für andere Bereiche des Handwerks, etwa das Nahrungsmittel- oder Gesundheitshandwerk?

Bofinger: In Deutschland herrscht aktuell eine exzellente Beschäftigungslage. Dazu kommen reale Lohnerhöhungen und steuerliche Entlastungen durch die Große Koalition. Ich gehe davon aus, dass der private Verbrauch auch in diesem Jahr weiter gut laufen wird, so dass auch diese Sektoren gute Perspektiven haben.

 

DHZ: Ende Mai findet die Europawahl statt. Eine Wahl, deren Bedeutung oftmals schwierig zu vermitteln ist. Warum ist Europa wichtig für die regionale Wirtschaft, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen?

Bofinger: Ich möchte hier eine Ebene höher ansetzen. Wir sehen, dass die USA und China ihre nationalen Interessen mit einer ungewöhnlichen Härte und Konsequenz verfolgen. Wenn wir hier nicht unter die Räder kommen wollen, müssen wir uns stark –  und das heißt im europäischen Verbund –  aufstellen. Die Idee, dass einzelne Nationalstaaten in diesem Kräftefeld noch eine Chance haben, ist einfach naiv. Wir sehen ja am Beispiel von Großbritannien ganz aktuell, wie schwer es ist, im Alleingang irgendwelche Lösungen für sich zu finden. Deswegen ist Europa ganz entscheidend dafür, um in Deutschland die Dinge realisieren zu können, die uns wichtig sind.



DHZ: Stichwort „Bürokratie“: Handwerksbetriebe stöhnen oftmals über die Regelungen und Vorschriften, die gesetzliche Vorgaben von europäischer Ebene für sie bedeuten. Gibt es hier aus Ihrer Sicht zu viele Regelungen, die letztendlich auch wirtschaftliches Wachstum bremsen können?

Bofinger: Regulierungen werden sicherlich nicht gemacht, um Unternehmen das Leben schwer zu machen. Sie sind auch immer eine Gratwanderung. Wenn Handwerksbetriebe unter dieser Last stöhnen, dann muss sich auch die EU immer wieder neu fragen, in welchen Fällen eine nationale oder gar regionale Lösung sinnvoller wäre. Um ihre Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen, muss die EU auch daran arbeiten, die Dinge nicht zu überziehen. Auch das ist sicher eine ständige Herausforderung für die Europäische Union.



 Zum ganzen Interview in der Deutschen Handwerks Zeitung