Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser
Nadine Heß
Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)

"Wir brauchen einen Wertewandel"

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, über fehlende Wahrnehmung von Bildungschancen im Handwerk und Strategien zur Fachkräftesicherung.

Zu den Aufgaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn gehört die Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland. Die Einrichtung des Bundes trägt dazu bei, das System der beruflichen Bildung leistungs- und zukunftsfähig zu gestalten. Präsident Prof. Friedrich Hubert Esser im Interview über die Bedeutung von Aus- und Weiterbildung für den Wirtschaftsbereich Handwerk, aktuelle Fehlentwicklungen und wichtige Zukunftsthemen:

 

Das System der beruflichen Bildung leistet einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung am Wirtschaftsstandort Deutschland. Es sichert zudem die Qualität und Leistungsfähigkeit von Produkten und Dienstleistungen. Dennoch ist der Fachkräftemangel in vielen Branchen, auch im Handwerk, ein Problem. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?

Prof. Dr. Esser: Wir haben zunehmend mit zwei Herausforderungen zu kämpfen: Prognosen zur demografischen Entwicklung zeigen, dass bis 2040 erheblich weniger junge Menschen für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, während gleichzeitig die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach in Rente gehen. Andererseits hat sich in den vergangenen Jahren ein Bildungstrend aufgebaut, der mehr und mehr zu Lasten des Handwerks geht. Denn weil immer mehr junge Menschen höhere Schulabschlüsse anstreben, werden die Angebote des Handwerks immer weniger wahrgenommen.

Wo sehen Sie die Ursachen für diese Entwicklung?

Es hat sich in den vergangenen Jahren eine Transformation von einer Industrie- zu einer Wissenswirtschaft und -gesellschaft vollzogen, in der sich die Wertschätzung für Bildungswege massiv verändert hat. Es gehört gewissermaßen zum Zeitgeist, sich in Richtung Hochschulen zu orientieren. Die hochanspruchsvollen Berufsbilder des Handwerks werden hier nicht mehr als solche erkannt und wertgeschätzt.

Mit welchen Folgen?

Wir verlieren in mehr und mehr Berufen den Anschluss an den Nachwuchs. Schon jetzt können Betriebe Aufträge nicht annehmen, weil sie zu wenige Fachkräfte haben. Und aus meiner Sicht wird sich dieses Problem bis Ende dieses Jahrzehnts noch weiter verschärfen.

Wie kann der Zeitgeist, der sich aktuell zur akademischen Bildung hin ausrichtet, aus Ihrer Sicht aufgebrochen werden?

Es gibt wesentliche Faktoren, die junge Menschen bei der Berufswahl beeinflussen. Dazu gehören das mögliche Einkommen, die Arbeitsbedingungen und das Ansehen eines Berufes. In der Transformation zur Wissenswirtschaft und -gesellschaft haben wir es ein Stück weit verpasst, bei diesen Faktoren auch das Handwerk in seiner Bedeutung mitzunehmen. Viele wissen gar nicht, welche neuen Technologien, welches Wissen und Können in den Berufsbildern steckt. Das schreibt man nicht dem Handwerk zu, sondern nimmt an, dass es dafür eine Hochschulausbildung braucht. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, die Karrieremöglichkeiten sowie den Anspruch an die Aus- und Weiterbildung im Handwerk transparent zu machen.

Was schlagen Sie hier vor?

Bei Berufsorientierung und Berufswerbung müssen die Schwerpunkte noch stärker darauf gesetzt werden, mehr Verständnis für Berufsbilder, und was sich dahinter verbirgt, zu erzeugen. Ebenso dafür, welche Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten junge Menschen in Betrieben haben. Langfristig brauchen wir zudem einen Wertewandel in Wirtschaft und Gesellschaft.

Was heißt das konkret?

Ich möchte das gern an einem Beispiel aus Nordrhein-Westfalen skizzieren, das sicherlich auf viele Familien übertragbar ist. Als beruflicher Aufstieg gilt es hier, wenn Opa Bergmann war, der Sohn bereits Kaufmann und die Tochter studierte. Diesen Denkansatz müssen wir wieder aufbrechen und zeigen, dass auch dort, wo noch händisch und körperlich gearbeitet wird, anspruchsvolle Berufsbilder und entsprechende Verdienstmöglichkeiten existieren.

Mit welchen Strategien können Betriebe kurz- und mittelfristig das Fachkräfteproblem angehen?

Es liegt beispielsweise viel Potenzial darin, noch mehr Frauen für Handwerksberufe zu gewinnen. Es wird viel getan, um diese Zielgruppe anzusprechen, die Zahlen bewegen sich trotzdem auf niedrigem Niveau. An dieser Stelle müssen wir kritisch reflektieren, warum das so ist. Ein weiterer zu diskutierender Punkt ist zudem die Erhöhung der Lebensarbeitszeit, die die Fachkräfteproblematik entschärfen könnte. In den nächsten 20 bis 30 Jahren kommt außerdem der Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland eine wichtige Rolle zu.

Welche Themen muss die neue Bundesregierung aus Ihrer Sicht angehen, damit die berufliche Bildung in Deutschland auch künftig stark aufgestellt ist?

Hier ist ganz klar die Digitalisierung der beruflichen Bildung zu nennen. Es gilt, digitale Strukturen beim Lehren, Lernen und Qualifizieren zu verbessern, flexibler zu machen und ihnen generell eine größere Rolle zuzuschreiben. Hier gibt es Nachholbedarf beim Anschluss ans schnelle Internet, der Ausstattung mit modernen, leistungsfähigen Medien und der Qualifizierung des Bildungspersonals. In der Vergangenheit sind in diesem Bereich wichtige Weichen gestellt worden, die jetzt ihre Dynamik entfalten müssen. Große strukturpolitische Themen wie zum Beispiel der Klimawandel sind darüber hinaus nicht ohne qualifizierte Fachkräfte zu bewältigen. Ich sehe derzeit nicht, dass wir diese Fachkräfte mit den bisherigen Anstrengungen sichern können, was uns Anlass zur Sorge geben sollte. Die Fachkräftesicherung ist deshalb für mich neben der Digitalisierung das zweite große und drängende Thema für die neue Regierung. Nicht zuletzt bleibt für mich die Verrechtlichung des Deutschen Qualifikationsrahmens eine dringende Aufgabe, damit der Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung endlich die staatliche Anerkennung zuteil wird.



Das Interview ist am 22. Oktober 2021 in der Deutschen Handwerks Zeitung erschienen.