Handwerkskammer für Unterfranken | Handwerk | CSR | Wertebündnis | Unternehmerische Verantwortung | Region Mainfranken
Magdalena Rössig
Verantwortungsvolles Unternehmertum ist die Basis für nachhaltiges Wirtschaften. Unterfränkische Unternehmer wie die Friseurmeisterin Ramona Krauß zeigen: Corporate Social Responsibility (CSR) gibt es hier länger als den Begriff.

CSR: Handwerk mit Vorbildfunktion

Ressourcenknappheit, soziale Ungleichheit, Klimawandel – oder eine Pandemie: Die Welt steht vor großen Herausforderungen. Für Unternehmen erwächst daraus besondere Verantwortung. Die unterfränkischen Handwerksbetriebe sind sich dieser Verantwortung durchaus bewusst: „Gesellschaftliches Engagement ist tief im Handwerk verwurzelt“, sagt Ludwig Paul, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken: „Nur in wenigen Fällen tragen die Betriebe es aber auch an die Öffentlichkeit.“

Um das vielfältige unternehmerische Engagement in der Region sichtbar zu machen und nachhaltiges Unternehmertum zu stärken, hat die Handwerkskammer für Unterfranken gemeinsam mit der IHK Würzburg-Schweinfurt, der Universität Würzburg, der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und der Region Mainfranken GmbH die „Absichtserklärung zur Förderung der Wahrnehmung unternehmerischer Verantwortung in der Region Mainfranken“ unterzeichnet.

Betriebe sind herzlich eingeladen, mit gutem Beispiel voranzugehen und als Inspirationsquelle für andere ihren vorbildlichen Einsatz mit der Öffentlichkeit zu teilen.





"Das Handwerk ist nicht nur die Wirtschaftsmacht von nebenan,
sondern auch die Wirtschaftsmacht für nebenan."

Ludwig Paul, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken



 Auch auf den Regionalseiten der Deutschen Handwerks Zeitung wird das ganze Jahr über zu diesem Thema berichtet. Unternehmen, die Interesse haben, ihr Engagement zu zeigen, können sich ganz unverbindlich bei der Handwerkskammer melden:

Dipl.-Bw. (FH) Peter Urbansky

Tel. 0931 30908-1161
Fax 0931 30908-1661
p.urbansky--at--hwk-ufr.de



Corporate Social Responsibility

Verantwortungsvolles Unternehmertum ist die Basis für nachhaltiges Wirtschaften. Der Begriff Corporate Social Responsibility, kurz CSR, beschreibt die Verantwortung eines Unternehmens für die Gesellschaft. Es gibt viele Möglichkeiten, sich zu engagieren: für eine soziale Wirtschaft, für die Umwelt, für die Mitarbeiter oder für das Gemeinwesen.





Wie Handwerksbetriebe Verantwortung übernehmen – für die Gesellschaft, für die Umwelt oder im täglichen Miteinander – und diese in ihr Kerngeschäft integrieren, zeigen drei aktuelle Beispiele aus Unterfranken:



Frisch gebackener Friedensgruß

Das Friedensbrot der Bäckermeister Burkard und Martin Schiffer hat einen hohen symbolischen Wert und eine besondere Geschichte: Die ersten Friedensbrote holte Martin Schiffer 2004 in der Normandie aus dem Ofen. An dem Strand, an dem 60 Jahre zuvor im Zweiten Weltkrieg die Alliierten gelandet und tausende Soldaten gefallen waren, backten französische und deutsche Bäcker im Rahmen der Gedenkfeier in friedlichem Einvernehmen nebeneinander Brot. „Ein gemeinsames Handwerk macht Völkerverständigung eigentlich ganz einfach“, so Martin Schiffer: „Weil es darum geht, etwas mit den Händen herzustellen. Damit lassen sich nicht nur Sprachbarrieren überwinden.“ Einmal im Jahr ist das Kastenbrot mit Christusmonogramm seitdem auch in Würzburg erhältlich: In der Woche vom 16. März erinnert es an die Zerstörung der Stadt im Jahr 1945. „Wir glauben, dass auch die Erinnerung an solche schmerzhaften Ereignisse wichtig ist, damit die Fehler von damals nicht wiederholt werden“, erläutert Burkard Schiffer. Die Brüder sind sich einig: Frieden ist ein Gut, das man nicht hoch genug schätzen kann. „Das dürfen wir niemals vergessen“, sagt Martin Schiffer mit Nachdruck.

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Bäckerei Schiffer
Friedensbewegung im Kleinen: Die Bäckermeister Martin (links) und Burkard (rechts) Schiffer setzen mit ihrem Friedensbrot ein Zeichen.



Transparent und tierlieb

Im veganen Friseursalon von Ramona Krauß ist nichts dem Zufall überlassen. Alle Produkte, die hier verwendet werden, wurden ohne Tierversuche entwickelt und sind frei von tierischen Inhaltsstoffen. Die Inhaberin liebt die Farbe Grün, Tiere und Natur, aber hier geht es um mehr als Nachhaltigkeit; es geht darum, den Ansprüchen der Kundinnen und Kunden in besonderem Maß gerecht zu werden und ihnen das Beste zu bieten. „Für mich zählen Qualität, Ehrlichkeit und Transparenz“, betont die Friseurmeisterin. „Meine Kunden können sich hier richtig entspannen, weil sie wissen, dass ihnen nichts vorgemacht wird. Das stärkt das Vertrauen und sie kommen gerne wieder.“ Ramona Krauß will begeistern und inspirieren, aber keineswegs belehren. Natürliche Schönheit, gesundes Haar und ein gutes Gewissen, das steht hier im Vordergrund. Wo kommt das her? Was ist drin? Ist das gut für mich? Diese Fragen bleiben bei Ramona Krauß nicht offen. Ihre Antwort ist eigentlich auch ganz einfach: Was schädlich ist – für Menschen, Tiere oder Umwelt – bleibt draußen.

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Magdalena Rössig
Friseurmeisterin Ramona Krauß und Salonhüter Atti: Alle im Salon verwendeten Produkte wurden ohne Tierversuche entwickelt und sind frei von tierischen Inhaltsstoffen.



Zusammenarbeit im Einklang

Der Klavierstimmer Michael Herrmann sieht 90 Prozent weniger als die meisten Menschen: Er ist fast blind. Sein Gehör ist dafür umso feiner. Für viele Betriebe kam er als Mitarbeiter trotzdem nicht infrage – weil er kein Auto bedienen und deswegen nicht ohne Weiteres von einem Kunden zum nächsten kommen kann. Für seinen Chef Peter Kleinhenz, Inhaber des Piano-Centers Oberthulba, wurde diese Einschränkung schnell zur Nebensache: „Michael ist ein Profi“, sagt er zufrieden. Leicht war der Berufseinstieg für Michael Herrmann nicht. Er hatte eine Schule für Menschen mit Sehbehinderung in Berlin besucht und musste sich erst wieder daran gewöhnen, von Sehenden umgeben zu sein: „Es braucht Zeit, in die Gesellschaft zurückzukehren“, erinnert er sich. Das ist nun 35 Jahre her. Seitdem hat er Klaviere für viele namhafte Jazzpianisten – darunter auch Helge Schneider – gestimmt. Peter Kleinhenz hat es bis heute nicht bereut, dass er Michael Herrmann eine Chance in dem Betrieb gegeben hat, den er zusammen mit seiner Frau Beatrix führt. Seitdem hat das Team eine kompetente Fachkraft mehr und Michael Herrmann eine Arbeit, die ihn erfüllt. Dabei immer im Mittelpunkt: Die gemeinsame Leidenschaft für die Musik.

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Nadine Heß
Im Mittelpunkt steht bei Peter Kleinhenz (links) und Michael Herrmann (rechts) immer die Musik.



Nachhaltigkeitskompetenz und Aktivismus

Gespräch mit Prof. Dr. Harald Bolsinger, Wirtschaftsethiker an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt



Werteorientierte Unternehmensführung und die Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft sind Themen, mit denen sich Prof. Dr. Bolsinger intensiv beschäftigt. Seit März 2012 lehrt er als Professor für Wirtschaftsethik und Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FHWS). Im Interview spricht er über gesellschaftlichen Wandel, die Umsetzung von Corporate Social Responsibility (CSR) und die Anforderungen an eine neue Unternehmergeneration.

„In CSR steckt auch eine große wirtschaftliche Chance für Innovation.“

Prof. Dr. Harald Bolsinger, Wirtschaftsethiker an der FHWS



Herr Professor Bolsinger, Sie haben für die FHWS die „Absichtserklärung zur Förderung der Wahrnehmung unternehmerischer Verantwortung“ unterzeichnet. Worum geht es Ihnen bei dieser Absichtserklärung?

Obwohl es in der Region viele verantwortungsvolle Unternehmerinnen und Unternehmer gibt, wollten wir eine gemeinschaftliche Institutionalisierung des Themas vorantreiben. Wir möchten gemeinsam das Thema Corporate Social Responsibility nach vorne bringen, damit ein wertvolles Netzwerk entsteht, in dem sich Multiplikatoren kennenlernen und austauschen können. Und wir wollen andere motivieren, sich einzubringen.

Wie definieren Sie Corporate Social Responsibility?

Die wohl anerkannteste Definition ist eine politische – gefasst von der Europäischen Union und eigentlich ganz einfach: CSR ist die Verantwortung von Unternehmen für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Was bedeutet das konkret für das Handwerk?

Für jeden Unternehmer bedeutet das, dass er sich Gedanken machen muss: Was macht das, was ich tue, mit der Umwelt, mit meinem sozialen Umfeld, meinen Kunden, meinen Lieferanten, meinen Mitarbeitern, aber auch mit meiner Familie? Der Kern von CSR ist: verantwortliches Wirtschaften. Da schließt sich auch schon der Kreis zum Handwerk. Wer ist denn das, der regional den Wohlstand schafft? Das sind die Betriebe vor Ort! Sie haben ihre Beschäftigten hier, zahlen hier ihre Steuern und fördern die regionalen Wirtschaftskreisläufe.

Was macht CSR zu einem aktuellen Thema?

In der Betriebswirtschaftslehre zählten lange vor allem Nutzenorientierung und Gewinngrößen. Allmählich verstehen wir, dass unternehmerisches Handeln in sehr komplexe übergeordnete Zusammenhänge eingebunden ist. Zudem sehen wir ein Umdenken bei der jüngsten Generation, der Generation Z, die der Idee nahesteht, die Welt zu retten.

 Auch eine Sonderseite in der Deutschen Handwerks Zeitung widmet sich dem Thema CSR in der Region:

 Download DHZ 13 / 2020

Inwiefern wird dieses Umdenken das Handwerk betreffen?

Klassische Statussymbole zählen jetzt weniger, man definiert sich darüber, dass man genau hinschaut. Bei der Wertschöpfung und auch der Zumessung von Wert werden Nachhaltigkeitsfaktoren immer wichtiger. Beispielsweise spielen die Rahmenbedingungen, unter denen etwas produziert wurde, eine viel größere Rolle. Ich spreche da durchaus von einem Paradigmenwechsel: Manche Dinge werden sich bald einfach nicht mehr vermarkten lassen.

Welche Eigenschaften sollte eine neue Unternehmergeneration mitbringen?

Sie muss Nachhaltigkeitskompetenz mitbringen. Dazu gehört nicht nur, die Zusammenhänge zu verstehen und in Zusammenhängen zu denken, man muss auch in der Lage sein, Aktivismus an den Tag zu legen. Es reicht nicht, das Problem zu erkennen, man muss innerlich auch den Drang empfinden, dieses Problem zu lösen, ein Teil der Lösung sein zu wollen.

Wie gelingt verantwortungsvolles Unternehmertum?

Ich muss mein Kerngeschäft genau ansehen und mich fragen, ob es wirklich nur gute Auswirkungen auf mein Umfeld hat. Wenn es auch schlechte gibt, sollte ich mich fragen, wie ich sie abstellen oder kompensieren kann. Dann versuche ich, die guten Auswirkungen zu maximieren. Primär geht es also nicht darum, dem Sportverein eine Riesensumme zu spenden, sondern das eigene Geschäft gut zu machen.

Ist es wirklich so einfach?

Das Gute ist: Wer sich mit Nachhaltigkeit und CSR befasst, kommt auf Fragen, die er sonst gar nicht stellen würde und dadurch auf Ideen, die er andernfalls nicht gehabt hätte. Diese Ideen haben häufig das Potential, am Markt eine neue zu Positionierung zu erlangen, weil man plötzlich etwas anders macht als die anderen. Darin steckt auch eine große wirtschaftliche Chance. Ja, es ist wirklich so einfach – man muss es nur machen!

Wie wird verantwortungsvolles Unternehmertum sichtbar?

Tun und dann darüber reden oder reden lassen. Aber erst tun – und dann darüber reden, das ist das Wichtige.

Wie sich die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen auch in den Alltag kleiner und mittelständischer Betriebe integrieren lassen, vermittelt das Online-Seminar "Nachhaltigkeit im Mittelstand: Einfach machen!". Die Kooperationsveranstaltung der   Initiative Verantwortungspartnerschaft für Mainfranken und des   Wertebündnisses Region Würzburg findet am 24. September von 10:00 bis 11:30 Uhr statt.  Hier geht es zur Anmeldung.