Hintergrund"Die Herausforderung ist noch einmal deutlich gestiegen"
Der Würzburger Ökonom Prof. Dr. Peter Bofinger spricht im Interview über die derzeit schwerwiegenden Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft und zeigt Chancen auf - insbesondere für das Handwerk.
Herr Bofinger, Sie erklärten Ende 2024, dass Sie die deutsche Wirtschaft vor der größten Herausforderung seit Ende des Zweiten Weltkriegs sehen. Wie beurteilen Sie die Lage jetzt?
Prof. Dr. Peter Bofinger: Die Herausforderung ist noch einmal deutlich gestiegen. Wir erleben gerade den größten Energieschock seit dem Zweiten Weltkrieg. Es droht sich zu wiederholen, was wir 2022 mit dem Ausbruch des Kriegs in der Ukraine erlebt haben: stark steigende Energie- und Rohstoffpreise, die sich in das allgemeine Preisgefüge hineinfressen, so dass die EZB mit der Zinskeule versuchen muss, das Ganze wieder einzufangen. All das kommt zu der tieferliegenden Herausforderung, dass unser über Jahrzehnte hinweg erfolgreiches Geschäftsmodell, basierend auf Export, Industrie und Automobil, nicht mehr trägt. Der Export wird durch die Zölle von Trump beeinträchtigt, die Industrie durch hohe Energiepreise, und was die Automobilindustrie anbelangt: Die Chinesen bauen jetzt selbst gute und teilweise günstigere Autos als wir. Für das Handwerk sehe jedoch nicht so schwarz. Hier sind hohen Energiepreise auch ein Problem, sie bieten aber zugleich Chancen: Das Interesse an erneuerbaren Energien, an Gebäudesanierung und Dämmung wächst. Immer mehr Menschen erkennen, dass es keine gute Idee ist, von fossilen Brennstoffen abhängig zu sein.
Im Moment macht der Wirtschaft vor allem die von Ihnen angesprochene, bislang starke Exportorientierung der Industrie zu schaffen. Wie schlimm wäre die wirtschaftliche Situation denn ohne das nicht auf Export fixierte Handwerk?
Ich würde die Frage etwas anders stellen. Wir müssen mehr binnenwirtschaftliche Dynamik entfalten, und das tun wir ja auch. Ich sehe ein großes Potenzial in der Bauwirtschaft. Fragt man Menschen, welche Probleme sie aktuell haben, landet das Thema "Bezahlbarer Wohnraum" fast immer an erster Stelle. Bisher ist jedoch wenig Dynamik im Wohnungsbau zu erkennen. Eine große Initiative für bezahlbares Wohnen hätte immenses Potenzial. Das wäre auch machbar für den Bund. Hier müsste die Regierung mit Eigenkapitalprogrammen und günstigen Zinsen für den Sozialen Wohnungsbau deutlich nachlegen.
Ein großes Problem für alle Branchen sind die anhaltend hohen Energiekosten. Was müsste geschehen, um Wirtschaft und Bürger zu entlasten?
Wir haben ja schon sehr hohe Entlastungen für Energiekosten. In diesem Jahr sind im Bundeshaushalt dafür fast 30 Milliarden Euro vorgesehen. Es wird also viel gemacht und die Frage ist eher, ob das nicht sogar schon zu viel ist. Man muss ja diesen hohen Energiekosten nicht passiv gegenüberstehen. Handwerksbetriebe haben es zum Beispiel in der Hand, ob sie erneuerbare Energien einsetzen.
Für wie sinnvoll halten Sie angesichts der Wirtschaftskrise die Dekorbonisierungspläne der Bundesregierung?
Die aktuelle Krise zeigt doch, wie problematisch es ist, wenn man als Volkswirtschaft derart stark auf fossile Energien angewiesen ist! Fast alle globalen Konjunkturkrisen wurden von steigenden Energiepreisen ausgelöst. Denken Sie an die Ölkrisen in den siebziger und achtziger Jahren. Das jetzt ist doch ein Weckruf! Anstelle Gasheizungen wieder zu rehabilitieren, wie das unsere Wirtschaftsministerin gerade versucht, sollte man alles tun, um von den fossilen Energien wegzukommen. Politisch hat das zudem den Effekt, dass man Potentaten wie Putin oder den Ölscheichs den Geldhahn abdreht.
Was ist Ihre Prognose für 2026?
Bisher zum Ausbruch des Kriegs im Iran lagen die Prognosen so etwa bei einem Prozent. Unter der optimistischen Annahme, dass sich die Situation dort relativ bald beruhigt, könnten wir noch ein halbes Prozent Wachstum schaffen. Ich fürchte allerdings, dass es wieder eine Stagnation geben wird, denn ich denke nicht, dass die Iran-Krise schnell beendet werden kann. Und selbst, wenn der Krieg bald endet, wird es dauern, bis das ganze System wieder in Gang kommt. Der "Frühling" der sich abgezeichnet hatte, ist sozusagen im "Iran-Frost" zunichte gemacht worden.
Was wird durch den Iran-Krieg wohl auf das regionale Handwerk zukommen?
Der Iran-Krieg wird dazu führen, dass die Inflationsrate wieder merklich steigt. Das bedeutet einen Kaufkraftverlust für die Verbraucher und steigende Baukosten. Was sich auf die Nachfrage zum Beispiel nach Renovierungen oder Neubauten negativ auswirken wird. Positiv kann sich allerdings, wie schon erwähnt, die Nachfrage nach Erneuerbaren Energien und Gebäudedämmung auswirken.
Steckbrief
Prof. Dr. Peter Bofinger ist einer der bekanntesten Ökonomen Deutschlands. Nach dem Studium zum Diplom-Volkswirt an der Universität des Saarlandes, der Promotion 1984 und der Habilitation 1990 führte ihn sein Weg über die Deutsche Bundesbank an die Universität Würzburg, wo er seit 1992 als Professor lehrt. Heute ist er dort als Seniorprofessor für Volkswirtschaftlehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen tätig. Von 2004 bis 2019 gehörte Bofinger dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung an. Seine Schwerpunkte liegen in der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik sowie der Geld- und Fiskalpolitik.