Porträtfoto Fatma Avsar im Friseurgeschäft
Nadine Heß
Fatma Avsar hat mit 26 Jahren einen eigenen Salon und eine eigene Marke für Echthaarverlängerungen aufgebaut. Dabei war ihr Start ins Handwerk nicht einfach. Heute möchte sie etwas zurückgeben und bietet jungen Frauen aus anderen Kulturen die Möglichkeit, im Friseurhandwerk beruflich Fuß zu fassen.

Mit Energie und Herz zum Erfolg

Dunkelbraunes Business-Kostüm, tiefschwarze, glatte Haare, voller Energie: Wer Fatma Avsar begegnet, spürt sofort, dass sie eine Kämpferin ist. Sie kämpft für ihre Ideen, ihr Unternehmen, ihren Weg. Fatma ist Saloninhaberin, Ausbilderin, Geschäftsfrau. Ihre Augen leuchten, wenn sie über das Friseurhandwerk spricht. Ihr Blick wird ernst, ihre Stimme fest, wenn sie von den Hürden erzählt, die sie in ihrem jungen Berufsleben überwinden musste. Dass sie heute hier steht, hätten ihr viele in ihrer Jugend nicht zugetraut, sagt die 26-Jährige. Ihre Geschichte zeigt: Das Handwerk eröffnet Chancen. Jeder kann hier seinen Weg finden – auch wenn es, wie bei Fatma, bedeutet, alle Energie, Zeit und das ganze Herzblut zu investieren.

Von der Türkei nach Deutschland

Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr wuchs Fatma in der Türkei auf. Schon als Kind faszinierte sie alles, was mit dem Friseurhandwerk zu tun hatte. Sie half beim Straßenfriseur aus, wie er in ihrer Heimat üblich ist, und verbrachte jede freie Minute in einem Salon. „Das Friseurhandwerk ist mein Herz, meine Energie“, sagt sie. Diese Energie trug sie auch, als sie mit zwölf Jahren nach Deutschland zog und sich plötzlich in einer fremden Kultur und Sprache zurechtfinden musste. Nach nur zwei Jahren verließ sie die Schule – mit wenig Deutschkenntnissen. Doch ihr Traum stand fest: Sie wollte Friseurin werden. Als sie hörte: „Das schaffst du sowieso nicht! “, ließ sie sich nicht beirren. Ihr Plan war klar: „Ausbildung machen, dann den Meistertitel“, sagt sie entschlossen.

Fatma fand Unterstützung in ihrem Ausbildungsbetrieb in Schweinfurt und schloss die Gesellenprüfung mit der Note 1,6 ab. Danach folgte die Meisterschule. „Das war eine enorme Herausforderung – so viel Stoff in so kurzer Zeit“, erinnert sie sich. Doch sie hielt durch. Heute, mit 26 Jahren, führt sie seit 2022 ihren eigenen Salon in Theilheim bei Würzburg. Sie bildet aus und hat vor wenigen Monaten mit ihrem Mann ein zweites Geschäft eröffnet, in dem sie ihre eigene Marke für Echthaarverlängerungen vertreibt.

Chancen weitergeben

„Fatmas Geschichte zeigt, welche Möglichkeiten berufliche Integration bietet. Sie ist ihren Weg gegangen und steht heute fest im Berufsleben“, sagen Sandra Bürger und Wiebke Schindler. Die beiden Willkommenslotsinnen unterstützen Betriebe dabei, Geflüchtete, Fachkräfte aus dem Ausland und Menschen mit Migrationsgeschichte ins Handwerk zu integrieren. Mit Fatma sind sie eng im Austausch. Sie selbst ist dankbar für die Möglichkeiten und die beruflichen Erfolge,  die sie erlebt hat. Sie möchte deshalb nun etwas zurückgeben. In ihrem Salon ermöglicht sie gezielt Frauen aus anderen Kulturen den Einstieg ins Friseurhandwerk. „Gerade beim Thema Kopftuch, das im Friseurberuf oft heikel ist, hat sie keine Berührungsängste“, erklärt Sandra Bürger. Fatma gibt jeder Bewerberin eine Chance, auch wenn sie aus religiösen Gründen ein Kopftuch trägt. „Für mich zählen der Mensch und die Leidenschaft für unseren Beruf“, sagt sie.

Wiebke Schindler ergänzt: „Fatma schaut auf den Menschen, will ihn kennenlernen. Das bewundere ich sehr. “ Für die beiden Expertinnen ist sie ein Vorbild – besonders für junge Frauen, die in der Fremde aufgewachsen sind und in Deutschland beruflich Fuß fassen wollen. Fatma zeigt ihnen, dass es möglich ist. Dabei bleibt sie ehrlich: „Ich sage den Mädchen, die mich über Instagram anschreiben, dass ich sehr viel arbeite, kaum frei habe und große Verantwortung trage“, erklärt sie. Doch sie hat ihren Traum verwirklicht: mit ihrer Ausbildung, dem Meistertitel und ihrem eigenen Unternehmen. „Wenn ich zwei Wochen keine Haare anfasse, fehlt mir etwas“, sagt sie und zuckt mit einem Lachen auf den Lippen die Schultern. Fatma ist angekommen – dank des Handwerks und ihrer unermüdlichen Energie.

Drei Frauen stehen nebeneinander in einer Friseurgeschäft
Nadine Heß
(v. l.) Wiebke-Marijke Schindler, Willkommenslotsin Handwerkskammer für Unterfranken, Friseurmeisterin Fatma Avsar und Sandra Bürger, Willkommenslotsin Handwerkskammer Service GmbH.

Unterstützung durch die Willkommenslotsen

Betriebe, die Geflüchtete ausbilden oder beschäftigen möchten, können das Beratungsangebot „Willkommenslotsen“ der Handwerkskammer für Unterfranken nutzen. Es gehört zum Förderprogramm „Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen“ des Bundeswirtschaftsministeriums. Die Beratung richtet sich an kleine und mittlere Unternehmen und unterstützt bei allen Fragen zur Integration – sei es durch Praktika, Einstiegsqualifizierungen, Ausbildungen oder direkte Beschäftigung. Dank ihres Netzwerks zu Behörden, Einrichtungen und Ehrenamtlichen bieten die Willkommenslotsen auch Hilfe bei rechtlichen Fragen oder Fördermöglichkeiten.

Für das unterfränkische Handwerk sind Wiebke-Marijke Schindler (Tel.  0931 4503-2751,  w.schindler@hwk-ufr.de) und Sandra Bürger ( 0931/320942-41,  sandra.buerger@hwk-service.de) als Willkommenslotsinnen im Einsatz.