Porträtfoto Anna Stolz
StMUK
Als „Talentschmiede des Handwerks“ bezeichnet Anna Stolz, Bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus, die bayerische Mittelschule, zu deren Stärken Persönlichkeitsbildung, individuelle Förderung der Fokus auf konsequente Berufs- und Praxisorientierung zählt.

Talentschmiede des Handwerks

Knapp 41 % der neuen Auszubildenden im unterfränkischen Handwerk haben den Mittelschulabschluss. Absolventinnen und Absolventen dieser Schulform sind damit die wichtigste Zielgruppe für Ausbildungsbetriebe im Handwerk. Doch die Mittelschule steht vor massiven Herausforderungen, die Ausbildungsbetriebe im Handwerk bereits jetzt zu spüren bekommen. Im Interview spricht die Anna Stolz, Bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus, über aktuelle Probleme, Lösungsansätze und vor allem die Stärken der Mittelschule als Talentschmiede des Handwerks.

Sie bezeichnen die bayerische Mittelschule als „Talentschmiede des Handwerks" – eine Aussage, die Sie bewusst gewählt haben. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Stärken dieser Schulart beim Übergang ins Handwerk?

Kultusministerin Anna Stolz: Ja, diese Aussage habe ich ganz bewusst so getroffen. Die Mittelschule ist in der bayerischen Bildungslandschaft eine anerkannte Schulart, die stark für jeden Weg macht. Sie ist Talentschmiede für das Handwerk und zugleich auch das Sprungbrett für viele Bildungs- und Karrierewege. Was sie so besonders macht, ist, dass sie neben Persönlichkeitsbildung und individueller Förderung den Fokus auf die konsequente Berufs- und Praxisorientierung legt. Dadurch hilft sie jungen Menschen, den für sie passenden Beruf zu finden und bereitet sie bestens darauf vor.

 

Insbesondere viele Eltern sehen diese Stärken der Mittelschulen offenbar nicht und streben eine möglichst höhere Schulform für ihre Kinder an. Wie können Sie die Mittelschule bei dieser Zielgruppe stärker positionieren?

Für mich ist unbestritten: Die Mittelschule ist eine großartige Schulart! Sie ist ein felsenfestes Fundament der bayerischen Schullandschaft mit hervorragenden Lehrkräften und tollen Schülerinnen und Schülern. Und gerade deswegen ist es mir ein wichtiges Anliegen, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung die Stellung einnimmt, die sie auch verdient. Direkt nach meinem Amtsantritt als Kultusministerin habe ich deshalb eine Expertengruppe zur Stärkung der Mittelschule eingerichtet. Und Ende letzten Jahres haben wir in vier regionalen Mittelschulwerkstätten alle Schulleitungen aus ganz Bayern dazu eingeladen, die Ideen der Expertengruppe gemeinsam zu diskutieren. Die Ergebnisse dieses Austauschs werden wir schon sehr bald vorstellen. Bereits jetzt bedanke ich mich bei der Schulfamilie für die vielen wertvollen Impulse und konkreten Umsetzungsideen. Mir geht es dabei zuallererst darum, die Mittelschule gemeinsam mit und im Sinne der Schulfamilie so auszurichten und aufzustellen, dass sie auch in Zukunft eine attraktive Schulart mit hohem Qualitätsbildungsangebot und eigenständigem Profil bleibt. Eine Schule, in die ihre Schülerinnen und Schülern gerne gehen und bei der Eltern und Erziehungsberechtigte ein gutes Gefühl für die Beschulung ihrer Kinder haben.“

 

Bayern hat ein relativ starr gegliedertes Schulsystem – Mittelschule, Realschule, Gymnasium. Ist dieses System noch zukunftsfähig für die Anforderungen eines modernen, sich schnell wandelnden Arbeitsmarktes, oder muss Bayern hier grundsätzlich neu denken?

Natürlich ist uns bewusst, dass sich Arbeitswelt und Gesellschaft in einem rasanten Wandel befinden und es immer Dinge gibt, die man verbessern kann. Eine Diskussion über die Grundsätze der bayerischen Bildungspolitik ist aber fehl am Platz. Unsere Schulen belegen in Ländervergleichsstudien seit Jahren Spitzenplätze. Ein Grund dafür ist auch das differenzierte Schulwesen, das jede Schülerin und jeden Schüler in den individuellen Begabungen und Interessen unterstützt und ihnen vielfältige Bildungswege eröffnet. Dabei besteht auch maximale Durchlässigkeit zwischen den Schularten und es gibt keinen Abschluss ohne neue Anschlussmöglichkeiten. Daran werden wir festhalten, denn Bildung ist zu wichtig für Experimente.

 

Handwerksbetriebe berichten von Lücken bei ihren Auszubildenden – sei es bei Grundkenntnissen in Mathematik und Deutsch, oder auch bei Zuverlässigkeit, Eigeninitiative und Kommunikation. Wie nehmen Sie diese Herausforderungen wahr, und wo sehen Sie die Mittelschule selbst in der Verantwortung, diese Kompetenzen stärker auszubilden?

Das Feedback aus dem Handwerk nehmen wir sehr ernst. Grundlegende Kompetenzen in Deutsch und Mathematik sowie sogenannte Soft Skills wie Kommunikationsfähigkeit, Engagement und Verantwortungsbewusstsein sind zentrale Voraussetzungen in der Berufswelt. Daran dürfen und werden wir keine Abstriche machen. Die Mittelschule trägt hier eine große Verantwortung. Wir stärken deshalb gezielt die Basiskompetenzen, bauen praxisnahe Lernangebote aus und intensivieren die Berufsorientierung. Gleichzeitig setzen wir auf ein enges Miteinander mit den Betrieben, um Schule und Arbeit besser zu verzahnen. Unser Ziel und unser Anspruch ist es, unsere Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf Ausbildung und Beruf vorzubereiten.

 

Mittelschulen kämpfen vielerorts mit Lehrermangel und der Aufgabe, Schülerinnen und Schüler mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen zu unterrichten – viele mit Förderbedarf. Wie wollen Sie Mittelschulen befähigen, diese Integrationsaufgabe zu meistern?

Es steht außer Frage, dass fehlende Lehrkräfte und die zunehmende Heterogenität eine große Herausforderung an unseren Mittelschulen darstellen.  Wir haben deshalb in den letzten Jahren bereits eine Vielzahl an Maßnahmen ergriffen, um dem gerecht zu werden. Hierzu gehören beispielsweise besondere Klassenformen wie Deutschklassen, Praxis- oder Mittlere-Reife-Klassen, zusätzlicher Förderunterricht und Sprachförderangebote. Hinzu kommen ganz unterschiedliche Unterstützungsangebote für inklusiv beschulte Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Die Schulsozialpädagogik und Berufseinstiegsbegleitung wiederum bieten besondere Unterstützung bei Schwierigkeiten im Schulalltag oder beim Übergang von der Schule zum Beruf. Gleichzeitig müssen wir den Lehrermangel aktiv angehen und junge Menschen für das Lehramt an der Mittelschule begeistern. Ein Beispiel: Im Rahmen des Projekts ‚VOR ORT‘ haben im vergangenen Schuljahr erfahrene Mittelschullehrkräfte in allen Landkreisen und kreisfreien Städten die Abiturientinnen und Abiturienten über die Attraktivität und Vorzüge des Mittelschullehramts informiert. Diese ‚Lehramtsbotschafter‘ kommen gut an und sind nur ein Teil unserer Unternehmungen, um die Mittelschule zu stärken.



Sie haben eine Initiative zur Stärkung der Mittelschule ins Leben gerufen. Was waren die entscheidenden Gründe für diese Initiative jetzt, und welche konkreten Ziele verfolgen Sie mit ihr – insbesondere mit Blick auf die Vorbereitung auf Handwerksberufe?

An unseren Mittelschulen wird mit ganzem Herzen hervorragende Bildung vermittelt – zielgruppengerecht, pädagogisch zugewandt und stärkenorientiert! Ich verstehe es als meine Aufgabe, den Rahmen dafür so anzupassen, dass das trotz der unbestrittenen Herausforderungen weiterhin mit Freude und unter gesunden Leistungsaspekten gelingen kann. Dabei will ich die vielen bewährten Elemente bewahren und das Angebot zugleich zielgerichtet weiterentwickeln. Dafür greifen wir unter anderem innovative Konzepte, Anregungen und Ideen auf, die in der Schulfamilie selbst entwickelt wurden und führen diese mit unseren Impulsen und einer klaren Zielausrichtung zusammen. Besonders wichtig ist mir dabei, dass alle Maßnahmen auch Antworten auf zukünftige Herausforderungen geben und von der Schulfamilie als Gewinn empfunden werden. Ich will ein pädagogisches Konzept von der Schulfamilie für die Schulfamilie! Der klare Fokus liegt auf der Stärkung der Basiskompetenzen und der grundlegenden Allgemeinbildung. Aber auch die Erweiterung der schulischen Eigenverantwortlichkeit ist mir sehr wichtig und ich lege großen Wert auf die Förderung starker und gesunder Persönlichkeiten bei unseren Schülerinnen und Schülern. Jede und jeder von ihnen soll mit einer positiven Zukunftsperspektive und fundierten Ausbildungsreife in den nächsten Lebensabschnitt aufbrechen können. Ich bin mir sicher, dass auch das Handwerk davon profitieren wird!