Ulrike Ader: Ihr fällt immer etwas ein
Auch ihr Vater hatte sein Leben dem Beruf geweiht. Nicht ausschließlich. Neben dem Beruf gab es die Familie. Die Frau. Die Kinder. Aber sein Beruf als Holzbildhauer gehörte mindestens gleichberechtigt dazu. Ein Begriff wie „Work-Life-Balance” wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Die Wohnstube war genauso „Zuhause“ wie die Werkstatt. „Bei mir ist das auch so”, sagt Ulrike Ader. Seit 26 Jahren leitet sie die Aschaffenburger Steinmetzschule. Auch die Schule ist ihr Zuhause. Ist ihre Familie. Hier blüht sie auf.
In der Schule zuhause
Ulrike Ader braucht nicht, wie andere, eine fest umrissene Freizeit, wo man den Golfschläger rausziehen oder sich den Fußball schnappen kann. Apropos „Fußball”: „He, passt ein bisschen auf!”, ruft sie gerade. Vier Meisterschüler kicken im Hof „ihrer” Schule. Eben prallte der Ball hart an die Scheibe der Werkstatt. Es ist Montagnachmittag. Der Unterricht ist aus. Relaxte Stimmung. Auch Ulrike Ader wirkt relaxt. Dabei hat sie noch keineswegs Feierabend. Für 17 Uhr steht der nächste Termin im immer vollen Terminkalender. Ulrike Ader macht sich in vielerlei Hinsicht für das Handwerk in Unterfranken stark.
Dass die Anfänge in der Aschaffenburger Meisterschule für sie nicht einfach waren, merkt man Ulrike Ader heute nicht mehr an. Es war im Jahr 2000, als sie Schulleiterin wurde. Die Stadt als Schulträgerin hatte sich für sie entschieden. In der Schulfamilie stieß ihre Personalie anfangs auf Skepsis. Sie war neu. Akademikerin. Frau: „Und keine Steinmetzin, das war das Allerschlimmste.“
Das war sie tatsächlich nicht, dennoch konnte sie weit mehr als lediglich hypothetische Aussagen über das Handwerk der Steinmetze und Steinbildhauer machen. Überhaupt brachte Ulrike Ader Know-how auf vielen Gebieten mit. Nicht nur der Vater, sondern auch Großvater und Urgroßvater waren Holzbildhauer. Allein dadurch hatte sie viel mitbekommen. Hinter ihr lag ein Lehramtsstudium auf Gymnasium mit den Hauptfächern Deutsch und Kunst. An pädagogischem Wissen mangelte es also nicht. Außerdem konnte sie zehn Jahre Erfahrung als Bildungsreferentin für das Steinmetzhandwerk einbringen. Ganz schön viel alles in allem. Dennoch: Man war ihr nicht zugetan.
Endlich durchgekämpft
Sie kämpfte sich durch. „Beim vierten Kurs wurde es besser”, erzählt sie. Auch danach gab es Höhen und Tiefen. Aber es ging kontinuierlich aufwärts. Heute ist Ulrike Ader weithin angesehen als Leiterin der Aschaffenburger Meisterschule. Wegen ihres Gespürs für Menschen. Wegen ihrer Kreativität. Und deshalb, weil ihr ständig etwas einfällt. „Ich hab immer Ideen“, sagt sie von sich selbst. Vor allem ist sie jemand, die, sieht sie ein Problem, sofort in medias res geht. Sprich: Schwierigkeiten werden ohne zu fackeln angepackt. Als sie Schulleiterin wurde, fand sie zum Beispiel, dass das Prüfungswesen dringend optimiert gehört: „Ich wollte ein besseres Verhältnis zwischen Prüfern und Lehrern.” Beide konnten damals nicht gut miteinander, berichtet sie. Mit diesem Vorstoß setzte sie sich auch schnell durch. Flugs wurde sie dadurch obendrein stellvertretende Prüfungsausschussvorsitzende bei der Handwerkskammer.
Stark für das Team
Jeder Schulleiter respektive jede Schulleiterin muss Menschen handhaben können, die völlig unterschiedlich sind und aus unterschiedlichsten Verhältnissen stammen. Ulrike Ader mag Menschen. Sie kann mit Menschen jeder Couleur umgehen: „Und ich bin Teamarbeiterin.” Aktuell hat sie ein tolles Team. Acht Lehrer und, sie eingeschlossen, zwei Lehrerinnen gestalten den Unterricht in der Meisterschule. Wobei sie die einzige Festangestellte ist. Elf Meisterschüler und eine Meisterschülerin besuchen die Bildungseinrichtung im Augenblick.
Oft hört man Leute sagen, dies oder jenes sei „ihr Kind”, „ihr Baby“. Bei Ulrike Ader hat man das Gefühl: Neben ihrer 23-jährigen Tochter ist die Schule tatsächlich „ihr Kind”. In gut zwei Jahren wird sie, inzwischen 65, vermutlich gehen. Das hat sie zumindest für sich selbst angepeilt. Zuvor gelang es ihr, sich noch einmal einen Traum zu erfüllen. Anfang Mai brachte sie vier Fachschulen für Gestaltung bei sich in Aschaffenburg vier Tage lang zusammen. Eine davon war die Schnitzschule in Empfertshausen – die eng mit der Geschichte ihres Großvaters und Vaters verbunden ist.