Wenn die Seele mitlernt
Depressionen, Ängste, ADHS oder Autismus können den Ausbildungsalltag junger Menschen stark beeinflussen – und stellen auch Ausbildungsbetriebe vor Herausforderungen. Uljana Bauer, Pädagogin und stv. Leiterin des Bildungszentrums Schweinfurt der Handwerkskammer für Unterfranken, hat den Kurs "PsychE – Psychische Einschränkungen bei Teilnehmenden" entwickelt. Er richtet sich an Ausbildungsverantwortliche und zeigt, wie Warnsignale erkannt, Gespräche sensibel geführt und passende Unterstützung organisiert werden können. Im Interview erklärt sie, warum Betriebe vorbereitet sein sollten, bevor aus Unsicherheit eine Krise wird.
Frau Bauer, psychische Belastungen wie Depressionen, Ängste, ADHS oder Autismus begegnen Ausbildungsverantwortlichen immer häufiger. Warum sollten Betriebe das Thema ernst nehmen?
Uljana Bauer: "Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass sich diese Frage überhaupt noch stellt. Aktuelle Zahlen und auch die Erfahrungen aus Betrieben, Kammern und Berufsschulen belegen die Notwendigkeit, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Junge Menschen kämpfen vermehrt mit psychischen Belastungen. Das wirkt sich auch auf die Ausbildung aus. Ausbildung kann dann nur funktionieren, wenn sich junge Menschen fachlich und menschlich sicher fühlen können. Gerade psychische Belastungen sieht man nicht immer auf den ersten Blick. Manchmal wirkt es wie Unzuverlässigkeit, Desinteresse oder fehlende Motivation. Es ist also entscheidend, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich zu sensibilisieren, um schon vor dem Krisenfall vielleicht vorbeugend wirken zu können."
Was unterscheidet eine normale Ausbildungsschwierigkeit von psychischen Belastungen? Auf welche Warnsignale sollten Betriebe achten?
"Nicht jede schwierige Phase ist gleich auf eine psychische Krise oder eine psychische Einschränkung zurückzuführen. Stress, ab und zu eine schlechte Note und Unsicherheiten gehören zur Ausbildung dazu. Aufmerksam sollte man jedoch werden, wenn es zu vermehrtem Rückzug, Isolation oder sehr häufigem Fehlen kommt. Auch Aussagen wie „Ich kann nicht mehr“ sollten nicht ignoriert werden. Ausbildungsverantwortliche sollen keine Diagnosen stellen, aber sie sollten solche Signale ernst nehmen und das Gespräch suchen."
Wie können Ausbildungsverantwortliche ins Gespräch gehen, wenn sie psychische Belastungen bei ihren Azubis vermuten?
"Erstmal sich selbst reflektieren. Kann ich dieses Gespräch ohne Wertung und unvoreingenommen führen? Wenn ja, dann klar und ohne Druck. Wichtig sind die klassischen Ich -Botschaften: „Mir ist aufgefallen, dass es dir aktuell nicht gut zu gehen scheint“ oder „Ich habe gerade das Gefühl, dass du dich immer mehr zurückziehst“. Wichtig ist zuzuhören und keine vorschnellen Ratschläge zu erteilen. Sätze wie „Reiß dich zusammen, das haben andere vor dir auch schon geschafft“ helfen nicht und geben dem Gegenüber nur das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden."
Sie betonen, dass Ausbildende keine Therapeuten werden sollen. Wo liegen die Grenzen der betrieblichen Unterstützung?
"Das muss man von zwei Seiten sehen. Zum einen liegt eine Grenze dort, wo es um Diagnosestellung, Therapie oder akute Gefährdung geht. Ausbildende können begleiten, Struktur geben und Gespräche anbieten, aber sie sollen keine psychologische Behandlung oder Diagnosen geben. Wenn die Belastung so stark ist oder Suizidgedanken geäußert werden, muss externe Unterstützung ran. Im Notfall zählt sofortiges Handeln. Essenziell ist: sensibel sein und ein Bewusstsein für psychische Belastungen aufbauen!"
Warum lohnt sich die Teilnahme an ihrem Kurs gerade für kleine und mittlere Betriebe?
"Kleine und mittlere Betriebe sind sehr nah an ihren Auszubildenden. Und das gilt für alle im Betrieb, also nicht nur Ausbildungsverantwortliche, sondern auch für Personalverantwortliche und Geschäftsführende. Deshalb braucht es Sicherheit im Umgang mit diesem Thema. Unser Kurs bietet die Auseinandersetzung mit konkreten Situationen aus dem Handwerkskontext. Aus dem Handwerk für das Handwerk sozusagen. Andere Angebote sind da oft eher allgemein gehalten. Wir wollen gut und erfolgreich ausbilden, um gute Fachkräfte zu haben, deshalb müssen wir auch beim Thema psychische Gesundheit unseren Teil beitragen. Außerdem vergleiche ich gerne unser Seminar mit dem Erste-Hilfe-Kurs. Man hofft ihn nicht zu brauchen, aber wenn etwas passiert, dann ist man vorbereitet und weiß, was zu tun ist."